Der Gentleman – so kleidet Man(n) sich richtig

Gentleman | Leonardo DiCaprio | The Great Gatsby

Der Charakter der Vornehmheit

Genie, sagt ein geflügeltes Wort, ist »die grenzenlose Bereitschaft, sich Mühe zu geben«, und das wäre auch eine treffende Beschreibung für einen Gentleman. Ein wahrer Gentleman ist jemand, der nichts dem Zufall überläßt. Es reicht nicht, daß man sich tadellos kleidet und daß alles makellos gepflegt ist. Die ganze Erscheinung muß vollkommen sein. Wird es Zeit für einen Haarschnitt, oder sollte man sich beim Barbier von einem Profi rasieren lassen, weil das Ergebnis sichtbar – und fühlbar – besser ist als alles, was man selbst tun kann? Sind die Fingernägel gut manikürt? Sitzt der Hut im richtigen Winkel? Ist der Regenschirm so eng gerollt, wie es sich gehört?

All diese und noch viele weitere Fragen muß ein Gentleman sich stellen, sobald er mit dem Frühstück fertig ist (das er in Pyjama, Pantoffeln und Morgen

mantel einnimmt und das aus Nieren, Räucherhering oder indischem Reis mit Fisch besteht) und während er sich rasiert, ein Bad nimmt und sich ankleidet. Denn schließlich hat man ja nicht den ganzen Tag seine komplette Ausstattung dabei. Den Damen ist ihre Handtasche mit allerlei Wässerchen und Elixieren, mit Lack und Puder gestattet, so daß sie ihrer Schönheit, wenn es denn erforderlich wird, neuen Schliff geben können. Ein Gentleman hingegen muß, wenn er Haus, Wohnung, Zimmer oder Club verläßt, perfekt sein für den ganzen Tag. Vom Morgen bis zum späten Abend darf die Nelke im Knopfloch nicht welken, kein Härchen des getrimmten und fein gewachsten Schnurrbarts darf sich sträuben, das Funkeln in den Augen darf nie erlöschen.

In den dreißiger Jahren gab es in England einen Varietékünstler, der nannte sich »Billy Bennett – beinahe ein Gentleman«. Doch so etwas ist unvorstellbar. Man kann nicht beinahe ein Gentleman sein. Entweder ist man einer, oder man ist es nicht. Es gibt Standards, und die muß man halten. Jemand, für den die Latte zu hoch liegt, tut besser daran, wenn er es gar nicht erst versucht. Edmund Burke, der englische Staatsphilosoph des 18. Jahrhunderts, schrieb einmal an einen Freund: »Der König kann einen Mann in den Adelsstand erheben, aber er kann ihn nicht zum Gentleman machen.«

 

Auch die größte Macht und der größte Wohlstand machen aus einem Mann noch keinen Gentleman. Doch der, der sich bemüht und dessen Streben von Erfolg gekrönt ist …! Oh ja, dem eröffnet sich eine wunderbare Welt – eine Welt, zu der nur wenigen der Zugang vergönnt ist. Und dann merkt man: Um Gentleman zu sein, genügt nicht eine bestimmte Kleidung – obwohl das durchaus eine Vorbedingung ist. Man braucht auch ein bestimmtes Benehmen. Denn ein Gentleman ist durch und durch anständig, er tut instinktiv stets das Richtige. Ein wahrer Gentleman sorgt dafür, daß die Frauen und Kinder ins Rettungsboot kommen, und er selbst geht mit dem Schiff unter. Er wird niemals ein Pferd mißhandeln oder einen Freund verraten. Er weiß, wann eine Dame Gesellschaft wünscht und wann sie lieber allein sein möchte. Er trinkt lieber ein Glas guten Champagner als eine Flasche billigen Wein. Der Gentleman ist niemals unhöflich, so arrogant oder rüde ein Geringerer ihm gegenüber auch sein mag.

Doch eine kleine Warnung … man kann es mit rein äußerlichen Perfektionismus auch übertreiben. Bertrand Russell (selbst viel zu exzentrisch und zu achtlos mit seinem Äußeren, als daß er je als Gentleman gegolten hätte) sagte einmal von Anthony Eden, er sei »kein Gentleman; dazu ist er zu gut angezogen«. Eden war in den dreißiger Jahren ein schneidiger junger Mann, der Liebling der englischen Konservativen, und in den Fünfzigern Außenminister unter Churchill. Man sah ihn stets in gestreifter Hose mit makelloser Bügelfalte, im schwarzen Jackett mit Weste, gestärktem weißen Kragen und perfekt gebundener Krawatte, und auf dem Kopf saß der elegante schwarze Hut, dem er seinen Namen gab. Eden setzte Maßstäbe für die Mode, doch zumindest Russell fand, daß seine moralischen Qualitäten hinter seiner Kleidung zurückblieben.

Eleganter Gentleman mit Zigarre

Die Visitenkarte des Gentleman

Eines sollte klar sein: Ein Mann wird nicht durch Kleidung zum Gentleman und umgekehrt bleibt ein echter Gentleman immer ein Gentleman, auch ohne Kleidung. Daraus aber abzuleiten, daß unsere äußere Erscheinung nicht wichtig sei, wäre ein Fehler. Kleidung ist die Visitenkarte unserer Persönlichkeit. Also sollte sie auch einer Persönlichkeit entsprechen.

Dieses Buch ist der Versuch, den entsprechenden Kleidungsstil, den Stil des Gentleman, umfassend darzustellen. Wir meinen damit einen DressCode, dessen Wurzeln in England liegen und der heute weltweit als klassischer Stil Gültigkeit hat. Wer sich so kleidet, wie es hier beschrieben wird, kann in London, Paris, Brüssel, Düsseldorf, Rom, Mailand, New York oder Tokio sicher sein, als gut angezogen zu gelten.

Der Stil des Gentleman ist ein Nebeneinander von Maßarbeit und Massenprodukten, von Exklusivität und nüchterner Zweckmäßigkeit. Eine Jeans von Levi’s zur Tweedjacke vom Maßschneider ist eine ebenso akzeptierte Wochenendkleidung wie die günstigen Bootsschuhe von Sperry zur Chino von Polo Ralph Lauren und einem Blazer von Gieves & Hawkes.

Der Stil des Gentleman ist also nicht gleichbedeutend mit sturem Konservativismus. Neuerungen, die sich bewähren und gut aussehen, finden nach und nach Aufnahme in den internationalen Stilkanon von London, Mailand und New York. Zum Beispiel die Jeans. Obwohl es einige Zeit gedauert hat, konnte die blaue Baumwollhose sich durchsetzen und ist heute – fast überall – ein gewohnter und akzeptierter Bestandteil der Freizeitkleidung. Oder die Husky-Jacke, die Anfang der sechziger Jahre erfunden, aber erst in den achtziger Jahren weltweit bekannt wurde, oder die Tod’s von Diego Della Valle, die es immerhin seit 1979 gibt.

Kleidungsstücke und Accessoires unterschiedlichster Herkunft zu einem harmonischen und interessanten Ganzen zusammenzufügen, erfordert Wissen um die Geschichte der Einzelelemente. Natürlich kann dieses Wissen auch dazu führen, daß ganz bewußt eine neue und ungewöhnliche Kombination entsteht, die gelegentlich auch das Produkt von Intuition und Zufall sein mag. Doch wer sich darauf nicht verlassen möchte, sollte durch die Kenntnis der einzelnen Bestandteile der Garderobe des Gentleman den sicheren Umgang damit erlernen.

Selbstverständlich ist es kein Zufall, daß in diesem Buch viel von englischer Kleidung und englischem Stil die Rede ist. Denn London übernahm schon im 18. Jahrhundert die Führung im Stilgeschehen Europas, zumal von der britischen Insel immer wieder wichtige Neuerungen ausgingen. Während der französische Adel am Hofe des Königs lebte, verbrachten die englischen Standesgenossen viel Zeit auf ihren Landsitzen. Der bevorzugte Zeitvertreib war die Fuchsjagd, und die beförderte einen ganz neuen Kleidungsstil. Der knielange Rock behinderte beim Reiten, und so wurde er mehr und mehr zurückgeschnitten. Entsprechend verkürzte sich die Weste, die Hose wurde enger. Dieser neue Look wurde in ganz Europa übernommen, der englische »frock coat« geriet in Frankreich zum »fraque« und in Deutschland zum »Frack«. Den »riding coat« verballhornte die Grande Nation zum »redingote«.

Erst gegen Ende des 19. Jahrhunderts sollte man dem im 18. Jahrhundert geborenen Anzug aus Frack, Weste und Hose die Farbe endgültig ausgetrieben haben. Angesichts verschmutzter Straßen und durch unzählige Kohlenfeuer verrußter Luft in den Städten ein durchaus praktischer Trend. Nur auf dem Lande setzte man einen Kontrast zum Grau und Schwarz der Stadt. Die Farben der Natur, die der Adel auf seinen Landsitzen erlebte, fanden sich in der Jagd- und Reitkleidung wieder. Um die bequemen Reitjacken auch in der City anziehen zu können, kamen unbekannte Trendsetter auf die Idee, sie aus dunklen Stoffen schneidern zu lassen. Letzten Endes haben wir den Schnitt des heutigen Anzugs mit seiner kurzen Jacke dieser Entwicklung zu verdanken. Wer also heute einen dunklen Anzug als steif und förmlich empfindet, mag sich damit trösten, daß er in gewissem Sinne die dunkle Ausgabe eines Freizeit-Outfits trägt.

Eleganter Schuh | Gentlemanmode

Doch auch dies lernen wir: Sich wie ein Gentleman zu kleiden kostet nicht nur Zeit, sondern auch Geld. Die Investition in ein gutes Stück zieht im allgemeinen weitere Ausgaben nach sich. Wer das erste Paar richtig guter Schuhe trägt, wird automatisch auch den Rest seiner Kleidung einer kritischen Überprüfung unterziehen. Und schon entsteht fast zwangsläufig das Bedürfnis nach einem guten Anzug, der wiederum gute Hemden und Krawatten fordert. Meist dauert dieser Prozess einige Jahre an – und das ist auch gut so. Eine Garderobe muß wie die Einrichtung einer Wohnung wachsen. Dies ist ein höchst individueller Vorgang, der bei jedem zu einer ganz eigenen Ausrichtung führen kann und soll. Denn wie gesagt: Kleidung ist die Visitenkarte unserer Persönlichkeit.

 

Quelle: Auszug aus “Der Gentleman – Handbuch der klassischen Herrenmode”

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